Aktivitäten

Aus welchen Aktivitäten setzt sich die Arbeit bei CERST zusammen? Diese Frage will ich in diesem Beitrag beantworten, um einen Einblick auf den „Arbeitsalltag“ zu geben. An erster Stelle steht die Arbeit im sogennanten „Warehouse“. Das Warehouse stellt das Zentrum der Organisation dar, welches man sich als eine Mischung aus Büro und Clubhaus voratellen kann. Das Gebäude ist ein ehemaliger Kindergarten, der nun, von Boxen, Kisten und Regalen gefüllt, kaum als solcher erkannt werden könnte, wenn man es nicht weiss. Jeden Morgen trifft sich das gesamte Team im Warehouse, um die Projekte für den Tag zu besprechen. In dem Meeting werden auch Feedbacks von den vergangenen Tagen gegeben und es besteht die Möglichkeit, selbst einen Punkt anzusprechen, wenn dies nötig ist. Als erstes wird entschieden, wer „on call“ ist. Das heisst, welches Team, bestehend aus jeweils 6 Personen, für die nächsten 24 Stunden auf Abruf bereit ist, um ankommende Boote zu empfangen. Für die Sechs bedeutet das lediglich, dass sie ihr Mobiltelefon auf laut gestellt haben und stets verfügbar sein müssen, ansonsten gehen sie ihren Arbeiten nach. So gut wie jede Aktivität wird im Warehouse vorbereitet, was bedeutet, dass man den grössten Teil des Tages dort verbringt. Die Hauptarbeit beinhaltet Kleider so zu sortieren und vorzubereiten, dass sie bereit sind, den Flüchtlingen gegeben zu werden, nachdem sie auf Chios angekommen sind. Diese Vorbereitung ist also Teil der zweiten Hauptaktivität, die wir ausführen und die ich schon erwähnt habe: An den Landings Wasser, Essen und Kleider zu verteilen. Als Landing wird die Ankunft eines Flüchlingsbootes bezeichnet, egal ob es an einer Küste strandet oder von der Küstenwache abgefangen wird und in den Hafen gezogen. Die Landings untergehen stets einem bestimmten Ablauf: Als erstes registriert die Hafenpolizei wer angekommen ist, dann untersucht das Medizinische Team SMH alle auf die gesundheitliche Umstände, und erst wenn von beiden das Einverständnis gegeben wird, sind wir mit unseren Verteilungen an der Reihe. Die Zeit, welche uns dafür bleibt, hängt davon ab, wie schnell die Polizei die Flüchtlinge ins Camp schicken will, was von den Beamten, der Anzahl Leute und den Umständen im Camp abhängt und deshalb von Landing zu Landing extrem varieren kann. Manchmal bleiben uns kaum 10 Minuten, um allen ihre Kleider zu geben, während wir teilweise sogar genügend Zeit haben, dass alle, die wollen, sich in Pop-up-Zelte umziehen können. Was genau verteilen wir und weshalb ist das wichtig? An den Landings erhalten wir eine Chance, den Leuten zumindest eine minimale Grundausstattung an Kleidern mit ins Camp zu geben. Die Herausforderung ist dabei, den Leuten die richtige Grösse zu geben. Besonders bei Kindern und Babys ist das Alter extrem schwer einzuschätzen, wenn man keine Erfahrung damit hat. Meistens resultiert die Sprachbarriere in eine gestikulierende Unterhaltung, um die Grösse und das Alter der Kindern herauszufinden, was häufig auch eine aufheiternde Stimmung mit sich bringen kann. Wenn die Grösse nicht stimmt, so wird sie ausgetauscht. Es ist nicht zu unterschäzen, wie wichtig die passende Grösse ist. Wir wissen nämlich nicht, wann sie das nächste Mal die Gelegenheit haben werden, zu neuen Kleidern zu kommen. Man will sich nicht vorstellen, dass jemand mit Hosen rumlaufen muss, die schon über seinen Knöcheln aufhören, besonders jetzt wo es auch auf Chios sehr kühl wird nachts. Die Reaktionen von den Leuten auf unsere Kleidersäcke haben eine grosse Spannbreite: Uns ist bewusst, dass einige womöglich aus wohlhabenderen Verhältnissen kommen und dementsprechend irritiert auf unsere Gaben reagieren. Es wird das erste Mal für viele sein, dass sie eine solche Hilfe annehmen. Die Mehrheit zeigt sich aber aufrichtig dankbar. Nur schon dafür, dass sie ihre nassen gegen trockene Hosen austauschen können. Wer weiss, wie lange sie nach der Ankunft im Camp auf ihre Zuteilung warten müssen. Wenn sie keine Zeit hatten, sich umzuziehen, werden sie diese Wartezeit häufig noch nass und feucht von der Reise absitzen. Dies wollen wir auf jeden Fall versuchen zu verhindern. Deshalb ermutigen wir alle, sich umzuziehen, solange die Zeit reicht. Viele sind jedoch nicht in erster Linie wegen den Kleidern dankbar, sondern auf Grund der Geste, die unsere Bemühungen darstellen. Weil wir ihnen mit einem Lächeln und Respekt begegnen. Weil wir uns für sie und ihr Wohlergehen interessieren.

Die Arbeit im Warehouse ist im Grunde genommen eine Vorbereitung auf die Landings. Sie ergibt auch sehr viel mehr Sinn, sobald man selbt an einem Landing teilgenommen hat und erlebt hat, wie ärgerlich es sein kann, wenn der Inhalt eines Sacks, nicht mit seiner Anschrift übereinstimmt und man lange suchen muss, bis man das Gesuchte gefunden hat. Während den Landings kann es auch vorkommen, dass man innerhalb von fünf Minuten alles verteilen muss, und man keine Chance hat, unpassende Grössen auszutauschen. Da muss man sicher sein, das in einem Large-Sack, keine Small-Kleidungsstücke sind, die man gerade jemandem mitgegeben hat. Deshalb ist beim Packen der Säcke höchste Vorsicht geboten, was wohin gehört. Nach jedem Landing muss der Stock wieder aufgefüllt werden, damit er für das nächste Landing bereit ist. Momentan führen wir 4 Stöcke gleichzeitig, auf Grund der hohen Zahl an Landings. In der letzten Woche ist es mehrmals vorgekommen, dass in einer Nacht drei Landings stattgefunden haben, was also 3 Stöcke angebraucht hat, die am nächsten Tag alle wieder auf Vordermann gebracht werden müssen. Dies dauert eine Weile und wird auf alle aufgeteilt. Die Stöcke haben stets Priorität und werden als erstes erledigt, weil man immer mit einem Landing rechnen muss. Ein Stock besteht aus einem Sammelsurium aus Kleidersäcken in allen Grössen von Neugeborenen bis XXL, die dementsprechend sortiert in grossen angeschriebenen Abfallsäcken aufbewahrt werden und allerlei Dinge, die wir brauchen können wie Windeln, Feuchttücher, Wärmedecken, Plüschtiere für die Kinder, Plasticksäcke und zu Essen und zu Trinken. Der fertige Stock wird in unseren Van geladen, sodass wir abfahrtsbereit für ein Landing sind. Ansonsten stellt das Warehouse eine unendliche Arbeitsgrube dar, wo man überall noch ein wenig aufräumen, ein bisschen verbessern und etwas putzen könnte. Jede Struktur könnte man noch x-mal umordnen zu jenem und diesem System, wobei niemand weiss, welches das Übersichtlichste ist. Nach neuen Spenden scheint das Warehouse regelrecht aus allen Nähten zu platzen. Es ist jedes Mal wieder erstaunlich, wenn am Schluss des Tages, doch noch eine Art Ordnung und Ruhe in den Ort einkehrt.

Abgesehen von der Arbeit im Warehouse haben wir wöchentliche Projekte für die Leute im Camp auf Chios. Jeweils montags und freitags gehen wir um fünf Uhr für eine und mittwochs für zwei Stunden zum Camp, um mit den Kindern zu singen und spielen. Dieses Projekt nennen wir Vial Games, getauft nach dem Namen des Camps. Die Spiele finden nicht im Camp selber statt, sondern in einem kleinen Fussbalfeld, welches sich vor den Toren des Camps befinden, welche übrigens dauerhaft geöffnet sind. Es ist uns aber nicht erlaubt, das Camp zu betreten. Da das Camp jedoch überlastet ist, und deshalb einige Hunderte gezwungen sind, ihre Zelte ausserhalb der offiziellen Campzone aufzuschlagen, befindet sich das Fussballfeld mittlerweile dort, wo die inoffizielle Campzone beginnt. Die Spiele sind immer ein fröhlicher, energiegeladener und auch chaotischer Event. Die Kinder freuen sich ausserordentlich auf diese Zeit und sind teilweise so adrenalingeladen, dass es schwer ist, den Überblick zu behalten. Deswegen ist es umso wichtiger, dass unser Team konstant und bewusst sich ganz auf die Lieder und den Ablauf konzentriert, damit wenigstens wir die Ordnung beibehalten und uns nicht von dem Tohuwabohu rundherum ablenken lassen. Wir haben drei Freiwillige vom Camp, die uns bei den Spielen unterstützen, was eine enorme Hilfe ist, weil sie Arabisch und Farsi sprechen, die zwei meistgesprochenen Sprachen im Camp. Es ist auch unser Ziel, die Kinder voll zu beschäftigen und all ihre Energie zu beanspruchen, sodass sie sich mit uns austoben können und nicht innerhalb des Camps mit Radau oder anderen Spannungen. Es ist ja kein Geheimnis, dass körperliche Aktivität auch eine Form von Stressabbau ist. Ausserdem ist es jedes Mal das Schönste, all die strahlenden kleinen Gesichtern zu sehen.

Ein weiteres Projekt, von welchem ich persönlich verantwortlich für die Organisation bin, heisst Vial Tea. Jeden Samstagabend von fünf bis sieben Uhr, verteilen wir heissen, zuckrigen Schwarztee an derselben Stelle im Camp wie bei den Spielen, an alle die wollen. Bei diesem Projekt ist der Fokus auf die Erwachsenen, denen wir auch mindestens ein Projekt widmen wollen. Neben dem Fussballfeld steht ein Tisch, den sie nutzen können, um gemeinsam Schach und andere Brettspiele, die wir mitbringen, zu spielen. Währenddessen bedienen sie sich vom Tee, den wir in Container im Van mitgebracht haben und ihnen aushändigen. Häufig stehen oder sitzen viele in kleinen Grüppchen in der Nähe, dann gehen wir auf sie zu und fragen, ob wir ihnen eine Tasse Tee bringen können. Die Meisten, die wir fragen, nehmen das Angebot gerne an, sind jedoch zu zurückhaltend um selbst zum Van zu kommen. Es dauert jeweils eine Weile bis die Erwachsenen zahlreicher Tee holen kommen, aber am Schluss sind immer alle Container leer und der Platz um den Van ziemlich voll mit Leuten, was ich ein gutes Zeichen finde. Wir versuchen auch so gut es geht Konversation zu betreiben, sich auszutauschen und viele Lächeln zu vergeben. Es ist extrem spannend, mit den Leuten zu reden und auch amüsant, sich gegenseitig Wörter in unterschiedlichen Sprachen beizubringen. Wir geben jedoch Acht darauf, keine unangebrachte Fragen zu stellen, stets respektvoll zu sein und niemandem zu Nahe zu treten. Wieviele Leute vom Camp kommen ist schwer einzuschätzen, vermutlich ist es bloss ein kleiner Prozentsatz, den wir tatsächlich zu Gesicht bekommen. Ich glaube auch, dass es meistens diesselben sind, die immer wieder kommen. Das merke ich auch, weil ich nun nach einem Monat eine Person darstelle, die viele wiedererkennen. Ich finde es toll, einige mit Namen begrüssen zu können, mit ihnen zu schwatzen und sich schon etwas zu kennen. Dabei entsteht eine wärmere Unterhaltung und Anerkennung, als wenn man sich bloss zweimal gesehen hat.

Nach einem Monat

Übermorgen bin ich seit einem Monat auf Chios, und es ist das erste Mal in diesen knapp vier Wochen, wo ich die Zeit finde, um ein paar Sätze zu schreiben. Diese Tatsache beschreibt auch schon sehr exakt, wie ich die vergangene Zeit erlebt habe: so intensiv, dass sie jede freie Minute, meine gesamte Energie und Aufmerksamkeit für sich beansprucht hat. Wenn ich zurückdenke, verschwimmen alle Erinnerungen in ein Meer von schönen und schwierigen Momenten, spannenden Gesprächen und interessante Begegnungen, worin die chronologische Reihenfolge schon lange verloren gegangen ist. Es fällt mir schwer, von meinen Erlebnissen zu berichten, ohne gleich einen Roman zu schreiben, der weder einen klaren Anfang, noch ein gutes Ende hat. Denn genau so fühlte es sich für mich an, hierher zu kommen: Als wäre ich von einem Tag auf den Anderen inmitten eines Abenteuers geworfen worden, das keinen einführenden Auftakt hatte und auch kein abklingendes Ende haben wird, sondern einen abrupten Wechsel in die Alltagswelt zuhause. Ab dem ersten Tag war ich vollkommen absorbiert von der Welt hier, mein kleiner Chios-Kosmos, welcher sich aus der Arbeit, den Leuten und Begegnungen hier zusammensetzt und wenig Platz für Gedanken an zuhause lässt. Allzu schnell vergisst man, dass man auch ausserhalb dieser Blase existiert hat, wen man ohne diese Arbeit ist. Sechs Tage in der Woche von halb neun bis fünf Uhr abends, regelmässig länger, zu arbeiten ist erschöpfend und gleichzeitig erfüllend. Erfüllend meine ich hier ganz im wörtlichen Sinn, das heisst ganz so, dass man sich komplett dieser Aktivität widmet und dabei sich selber rasch vernachlässigt. Es ist erfüllend auf eine ablenkende Weise. Anstelle von Gefühlen oder Signalen des Körpers tritt die Arbeit, welche einen ganz erfüllt und in Besitz genommen hat. Welche Arbeit denn überhaupt? Fragt sich jetzt bestimmt mancher Leser. Ich meine damit den Akt des Helfens, des Gebens, des Gefühls, bei den Leuten zu sein. Es ist ein Gefühl, welches sämtliche Aktivitäten unseres Teams begleitet. Egal ob wir gerade „bloss“ Kleider sortieren und Boxen schleppen, oder ob wir tatsächlich gerade dabei sind, den Leuten Wasser, Essen und Kleider zu verteilen, irgendwo nachts an einem Strand der Ostküste von Chios, kurz nachdem sie dort gestrandet sind. Das Gefühl der Notwendigkeit dieser Arbeit lässt einen noch mehr in sie vertiefen. So ensteht eine unermüdliche Motivation, die Menschen unglaubliches vollbringen lässt. Aber es besteht dabei auch die Gefahr sich darin zu verlieren, die eigenen Bedürfnisse und Signale des Körpers zu vernachlässigen, bis er sich dafür rächt und einen ausbrennen lässt, um so die Erholung zu erzwingen. Es ist von grösster Wichtigkeit in einem Einsatz wie diesem, sich regelmässig von der Arbeit und von dem Umfeld zu distanzieren, damit man sich auf sich selber fokussieren kann. Es gilt das goldenene Gleichgewicht zu finden, wie man sich den Mitmenschen annäheren kann, um sie zu unterstürtzen, ohne dabei sich selber aus den Augen zu lassen. In jeder Tätigkeit wo man mit dem Leiden und Last von anderen konfrontiert wird, ist es unabdingbar umso näher bei sich zu sein, und zu erkennen, worauf man Einfluss nehmen kann und worauf nicht. Man muss erkennen können, welche Last man durch die eigene Unterstützung erleichtert werden kann und welche von jedem selbst getragen werden muss. Jeder ist bloss in der Lage zu helfen, sofern er sich selber zu helfen weiss.