Das Projekt

Mein Name ist Anna Lena Tommasi und ich habe diesen Juli das Gymnasium abgeschlossen. Ich habe mich dazu entschieden, mein Zwischenjahr mit einem Einsatz von 10 Wochen auf der Insel Chios mit der Hilfsorganisation Offene Arme, ehemaliges Chios Eastern Shore Response Team, zu beginnen. Diese Website soll dazu dienen, meinen Bekanntenkreis und Interessierte auf dem Laufenden zu halten, sowie jegliche persönliche Erlebnisse und Eindrücke während dieser Zeit zu teilen.

Der Einsatz dauert vom 13. September bis am 1. Dezember 2019.

Motivation

Was hat mich zu diesem Projekt bewogen? Unterschiedliche Gründe sprachen dafür, mich in einem sozialen Bereich zu engagieren. Ich unterscheide sie zwischen gesellschaftlichen Umständen und individueller, persönlicher Motivation. Aus der ersten Kategorie möchte ich kurz einige Beispiele erwähnen, um auzuzeigen, was ich unter dem Begriff „gesellschaftliche Umstände“ verstehe. Es handlet sich dabei um die ausserordentlichen Lebensverhältnisse, in denen ich und mein Umfeld leben. Jedoch werde ich hier nicht anfangen über die privilegierte Wohlstandsgesellschaft, an der ich Teil habe, herzuziehen. Es ist nicht mein Ziel Sündenböcke zu ernennen oder Schuldgefühle heraufzubeschwören. Ich möchte bloss, von Zeit zu Zeit, mir mein Glück vor Augen halten, und mir all meiner Freiheit bewusst werden.  Aus all den unzähligen Privilegien, die mir zu eigen sind, ist für mich jenes der Bildung als Motivation für den Einsatz ausschlaggebend. Genauer gesagt ist es die Fähigkeit, meine eigene Situation zu reflektieren und in einen Kontext zu setzen. Wer Verständnis und Wissen über die persönlichen Umstände hat, erlangt damit auch ein Gefühl der Kontrolle. Eine Situation kann uns nur solange paralysieren, wie wir sie nicht verstehen. So ist es jedenfalls mir ergangen. Doch auch die erwähnte Fähigkeit muss erst erlernt werden. Selbstreflexion und Hinterfragung sind schwierige Prozesse, welche man sich über Zeit aneignen muss. Mir wurden sie glücklicherweise in der Bildung und meinem Umfeld mit auf den Weg gegeben. Wenn die Möglichkeit besteht, dass ich Personen dabei helfen kann, sich ihrer Situation nicht mehr ausgeliefert zu fühlen, dann möchte ich dies versuchen.

Neben diesen gesellschaftlichen Umständen, haben mich auch ganz persönliche Veranlagungen dazu veranlasst, nach Chios zu gehen. Nämlich der Zug meines Charakters, welcher es nicht aushält still zu sitzen. Das „Dolce far’niente“ ist mir unbekannt. Viel zu schnell beschleicht mich das Gefühl, meine Zeit zu verschwenden, also plane ich gerne meinen Tag, so dass ich ihn voll ausnutzen kann. Was hat das nun mit meinem Einsatz zu tun? Ich bin mir sicher, es gibt viele Leute, die gleich veranlagt sind wie ich. Ich bin mir auch sicher, dass unter den Flüchtlingen, die momentan im Vial Camp auf Chios leben, ebenfalls viele Leute gleich veranlagt sind wie ich. Doch gibt es zwischen ihrer und meiner Situation einen fatalen Unterschied, der ihnen zum Verhängnis wird: Ich habe die Möglichkeit, mich zu beschäftigen und dem Gefühl der Zeitverschwendung zu entkommen. Jenen Personen, die hier auf Chios festsitzen, wer weiss wie lange, gefangen in einer endlosen Bürkratieschlaufe, fehlt diese Möglichkeit. Egal wie sehr sie sich bemühen, ihre Zeit zu nutzen, geht Tag für Tag vorüber, ohne auch nur einen Schritt weitergekommen zu sein. Ich würde dieses Ausharren kaum aushalten. Auf meinem Einsatz erhoffe ich mir, diesen Leuten eine Beschäftigung, eine art Zweck, für den Tag geben zu können. Vielleicht beim Gärtnern, in einem Sprachkurs oder beim Spielen mit den Kindern. Ich versuche beizutragen, das Vakuum, in dem sie sich befinden, auf irgendeine Weise mit Anregung und Unterstützung zu füllen.

Kontakt

Meine E-Mail – Adresse lautet anna@tommasi.li.