Anreise und Ankunft

Der Wind peitscht mir ins Gesicht als ich aus dem Flugzeug steige. Am kleinen Flughafen von Chios werde ich abgeholt. Nach der warmen Begrüssung fahren wir zusammen durch die schmalen Gassen zu meinem Studio. In der Dunkelheit ist es schwierig sich auf der hügeligen, steinigen Insel sich zu orientieren, da die Verkehrsschilder kaum sichtbar und die Strassen nur selten beleuchtet sind. Erst am nächsten Tag konnte ich mir im Sonnenlicht ein Bild von meiner Umgebung machen. Mein Studio befindet sich in Karfas, am Hang mit dementsprechenden Blick aufs Meer, wo man in naher Entfernung die Küste der Türkei erkennen kann. „Ja, man hat das Ziel vor Augen.“ war die Antwort von der Freiwilligen, die mich abgeholt hat, als ich sie fragte ob die Lichter am Horizont aus der Türkei stammten. Sie bezog sich dabei auf die Flüchtlingsboote, welche diesen Kanal überqueren. Ich wusste bereits, dass die Distanz nicht gross ist, dennoch überraschte es mich, als ich sie mit meinen eigenen Augen sah.

Der Vermieter des Studios erwartete mich bereits. Ein herzlicher, älterer Grieche, zeigte mir mein neues Zuhause für die nächsten 77 Tage. Ein bescheidenes Zimmer mit Kochnische, und einer kleinen Terrasse, auf welcher der Wind sein Lied singt. Grundsätzlich stört mich Wind nicht, doch an diesem Abend schlug er so stark um die knapp isolierten Gebäude, dass eslaut um das Studio heulte und mir die Wände wie aus Karton vorkamen. Glücklicherweise habe ich daran gedacht, Ohrenstöpsel einzupacken. Müde von der Reise, richtete ich mich schnell ein und ging dann zu Bett, mit dem Plan am darauffolgenden Tag, die Gegend zu erkundschaften. In einem unruhigen, traumlosen Schlaf ging die erste Nacht vorüber.

Vorbereitung

Noch bin ich zuhause und langweile mich. Die Vorstellung, dass ich bereits von hier aus alles bis aufs kleinste Detail perfekt organisiert haben könnte, schlug ich mir schon vor ein paar Wochen aus dem Kopf. Ich plante so viel ich konnte und doch liess mich das Gefühl, unvorbereitet zu sein, nicht los. Was ich auf jeden Fall vermeiden will: auf Chios anzukommen und dem Team mit meiner Orientierungslosigkeit zur Last fallen, anstatt eine Hilfe zu sein. Deshalb wollte ich alles perfekt ausgearbeitet haben, so dass ich kein Schritt mehr tun muss, sobald ich ankomme. Aber das ist weder möglich, noch effizient. Gewisse Dinge kann ich schlichtweg nicht im Voraus wissen. Irgendwann realisierte ich, dass ich diese Zeit auf mich zukommen lassen muss, ohne genau zu wissen, was mich erwartet und auch eventuell auf Hilfe angewiesen zu sein. Wenn ich jemanden von meiner bevorstehenden Reise erzählte, hörte ich immer wieder diesselben Reaktionen: „Wow, das wird bestimmt extrem streng nicht? Das nimmt einen sicher mit.“ oder „Wie genau sieht deine Arbeit aus? Was machst du den ganzen Tag?“ Die einzige Antwort, welche ich auf solche Aussagen geben konnte war: Ich weiss es nicht. Es fiel mir unglaublich schwer, Dinge über mein Einsatz zu sagen, bevor ich ihn überhaupt angetreten habe. Diese Fragen stellte ich mir selbst auch häufig und konnte keine davon mit Sicherheit wissen. Möglicherweise fällt es mir tatsächlich sehr schwer zum ersten Mal so lange alleine weg von Zuhause zu sein oder vielleicht belastet mich die Konfrontation mit der Flüchtlingskrise mehr, als ich mich darauf vorbereitet hatte. Genausogut könnte es aber auch besser laufen als erwartet und die Arbeit mich erfüllen, anstatt zu bedrücken. Hoffen wir Letzteres ist der Fall. Das einzige, was ich mit absoluter Sicherheit sagen kann ist, dass ich es bald erfahren werde. Oder wie man so schön sagt: Only time will tell.