Nach einem Monat

Übermorgen bin ich seit einem Monat auf Chios, und es ist das erste Mal in diesen knapp vier Wochen, wo ich die Zeit finde, um ein paar Sätze zu schreiben. Diese Tatsache beschreibt auch schon sehr exakt, wie ich die vergangene Zeit erlebt habe: so intensiv, dass sie jede freie Minute, meine gesamte Energie und Aufmerksamkeit für sich beansprucht hat. Wenn ich zurückdenke, verschwimmen alle Erinnerungen in ein Meer von schönen und schwierigen Momenten, spannenden Gesprächen und interessante Begegnungen, worin die chronologische Reihenfolge schon lange verloren gegangen ist. Es fällt mir schwer, von meinen Erlebnissen zu berichten, ohne gleich einen Roman zu schreiben, der weder einen klaren Anfang, noch ein gutes Ende hat. Denn genau so fühlte es sich für mich an, hierher zu kommen: Als wäre ich von einem Tag auf den Anderen inmitten eines Abenteuers geworfen worden, das keinen einführenden Auftakt hatte und auch kein abklingendes Ende haben wird, sondern einen abrupten Wechsel in die Alltagswelt zuhause. Ab dem ersten Tag war ich vollkommen absorbiert von der Welt hier, mein kleiner Chios-Kosmos, welcher sich aus der Arbeit, den Leuten und Begegnungen hier zusammensetzt und wenig Platz für Gedanken an zuhause lässt. Allzu schnell vergisst man, dass man auch ausserhalb dieser Blase existiert hat, wen man ohne diese Arbeit ist. Sechs Tage in der Woche von halb neun bis fünf Uhr abends, regelmässig länger, zu arbeiten ist erschöpfend und gleichzeitig erfüllend. Erfüllend meine ich hier ganz im wörtlichen Sinn, das heisst ganz so, dass man sich komplett dieser Aktivität widmet und dabei sich selber rasch vernachlässigt. Es ist erfüllend auf eine ablenkende Weise. Anstelle von Gefühlen oder Signalen des Körpers tritt die Arbeit, welche einen ganz erfüllt und in Besitz genommen hat. Welche Arbeit denn überhaupt? Fragt sich jetzt bestimmt mancher Leser. Ich meine damit den Akt des Helfens, des Gebens, des Gefühls, bei den Leuten zu sein. Es ist ein Gefühl, welches sämtliche Aktivitäten unseres Teams begleitet. Egal ob wir gerade „bloss“ Kleider sortieren und Boxen schleppen, oder ob wir tatsächlich gerade dabei sind, den Leuten Wasser, Essen und Kleider zu verteilen, irgendwo nachts an einem Strand der Ostküste von Chios, kurz nachdem sie dort gestrandet sind. Das Gefühl der Notwendigkeit dieser Arbeit lässt einen noch mehr in sie vertiefen. So ensteht eine unermüdliche Motivation, die Menschen unglaubliches vollbringen lässt. Aber es besteht dabei auch die Gefahr sich darin zu verlieren, die eigenen Bedürfnisse und Signale des Körpers zu vernachlässigen, bis er sich dafür rächt und einen ausbrennen lässt, um so die Erholung zu erzwingen. Es ist von grösster Wichtigkeit in einem Einsatz wie diesem, sich regelmässig von der Arbeit und von dem Umfeld zu distanzieren, damit man sich auf sich selber fokussieren kann. Es gilt das goldenene Gleichgewicht zu finden, wie man sich den Mitmenschen annäheren kann, um sie zu unterstürtzen, ohne dabei sich selber aus den Augen zu lassen. In jeder Tätigkeit wo man mit dem Leiden und Last von anderen konfrontiert wird, ist es unabdingbar umso näher bei sich zu sein, und zu erkennen, worauf man Einfluss nehmen kann und worauf nicht. Man muss erkennen können, welche Last man durch die eigene Unterstützung erleichtert werden kann und welche von jedem selbst getragen werden muss. Jeder ist bloss in der Lage zu helfen, sofern er sich selber zu helfen weiss.

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