{"id":145,"date":"2019-10-10T18:07:49","date_gmt":"2019-10-10T18:07:49","guid":{"rendered":"https:\/\/anna.tommasi.li\/?p=145"},"modified":"2019-10-13T12:14:27","modified_gmt":"2019-10-13T12:14:27","slug":"aktivitaeten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anna.tommasi.li\/index.php\/2019\/10\/10\/aktivitaeten\/","title":{"rendered":"Aktivit\u00e4ten"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus welchen Aktivit\u00e4ten setzt sich die Arbeit bei CERST zusammen? Diese Frage will ich in diesem Beitrag beantworten, um einen Einblick auf den &#8222;Arbeitsalltag&#8220; zu geben. An erster Stelle steht die Arbeit im sogennanten &#8222;Warehouse&#8220;. Das Warehouse stellt das Zentrum der Organisation dar, welches man sich als eine Mischung aus B\u00fcro und Clubhaus voratellen kann. Das Geb\u00e4ude ist ein ehemaliger Kindergarten, der nun, von Boxen, Kisten und Regalen gef\u00fcllt, kaum als solcher erkannt werden k\u00f6nnte, wenn man es nicht weiss. Jeden Morgen trifft sich das gesamte Team im Warehouse, um die Projekte f\u00fcr den Tag zu besprechen. In dem Meeting werden auch Feedbacks von den vergangenen Tagen gegeben und es besteht die M\u00f6glichkeit, selbst einen Punkt anzusprechen, wenn dies n\u00f6tig ist. Als erstes wird entschieden, wer &#8222;on call&#8220; ist. Das heisst, welches Team, bestehend aus jeweils 6 Personen, f\u00fcr die n\u00e4chsten 24 Stunden auf Abruf bereit ist, um ankommende Boote zu empfangen. F\u00fcr die Sechs bedeutet das lediglich, dass sie ihr Mobiltelefon auf laut gestellt haben und stets verf\u00fcgbar sein m\u00fcssen, ansonsten gehen sie ihren Arbeiten nach. So gut wie jede Aktivit\u00e4t wird im Warehouse vorbereitet, was bedeutet, dass man den gr\u00f6ssten Teil des Tages dort verbringt. Die Hauptarbeit beinhaltet Kleider so zu sortieren und vorzubereiten, dass sie bereit sind, den Fl\u00fcchtlingen gegeben zu werden, nachdem sie auf Chios angekommen sind. Diese Vorbereitung ist also Teil der zweiten Hauptaktivit\u00e4t, die wir ausf\u00fchren und die ich schon erw\u00e4hnt habe: An den Landings Wasser, Essen und Kleider zu verteilen. Als Landing wird die Ankunft eines Fl\u00fcchlingsbootes bezeichnet, egal ob es an einer K\u00fcste strandet oder von der K\u00fcstenwache abgefangen wird und in den Hafen gezogen. Die Landings untergehen stets einem bestimmten Ablauf: Als erstes registriert die Hafenpolizei wer angekommen ist, dann untersucht das Medizinische Team SMH alle auf die gesundheitliche Umst\u00e4nde, und erst wenn von beiden das Einverst\u00e4ndnis gegeben wird, sind wir mit unseren Verteilungen an der Reihe. Die Zeit, welche uns daf\u00fcr bleibt, h\u00e4ngt davon ab, wie schnell die Polizei die Fl\u00fcchtlinge ins Camp schicken will, was von den Beamten, der Anzahl Leute und den Umst\u00e4nden im Camp abh\u00e4ngt und deshalb von Landing zu Landing extrem varieren kann. Manchmal bleiben uns kaum 10 Minuten, um allen ihre Kleider zu geben, w\u00e4hrend wir teilweise sogar gen\u00fcgend Zeit haben, dass alle, die wollen, sich in Pop-up-Zelte umziehen k\u00f6nnen. Was genau verteilen wir und weshalb ist das wichtig? An den Landings erhalten wir eine Chance, den Leuten zumindest eine minimale Grundausstattung an Kleidern mit ins Camp zu geben. Die Herausforderung ist dabei, den Leuten die richtige Gr\u00f6sse zu geben. Besonders bei Kindern und Babys ist das Alter extrem schwer einzusch\u00e4tzen, wenn man keine Erfahrung damit hat. Meistens resultiert die Sprachbarriere in eine gestikulierende Unterhaltung, um die Gr\u00f6sse und das Alter der Kindern herauszufinden, was h\u00e4ufig auch eine aufheiternde Stimmung mit sich bringen kann. Wenn die Gr\u00f6sse nicht stimmt, so wird sie ausgetauscht.  Es ist nicht zu untersch\u00e4zen, wie wichtig die passende Gr\u00f6sse ist. Wir wissen n\u00e4mlich nicht, wann sie das n\u00e4chste Mal die Gelegenheit haben werden, zu neuen Kleidern zu kommen. Man will sich nicht vorstellen, dass jemand mit Hosen rumlaufen muss, die schon \u00fcber seinen Kn\u00f6cheln aufh\u00f6ren, besonders jetzt wo es auch auf Chios sehr k\u00fchl wird nachts. Die Reaktionen von den Leuten auf unsere Kleiders\u00e4cke haben eine grosse Spannbreite: Uns ist bewusst, dass einige wom\u00f6glich aus wohlhabenderen Verh\u00e4ltnissen kommen und dementsprechend irritiert auf unsere Gaben reagieren. Es wird das erste Mal f\u00fcr viele sein, dass sie eine solche Hilfe annehmen. Die Mehrheit zeigt sich aber aufrichtig dankbar. Nur schon daf\u00fcr, dass sie ihre nassen gegen trockene Hosen austauschen k\u00f6nnen. Wer weiss, wie lange sie nach der Ankunft im Camp auf ihre Zuteilung warten m\u00fcssen. Wenn sie keine Zeit hatten, sich umzuziehen, werden sie diese Wartezeit h\u00e4ufig noch nass und feucht von der Reise absitzen. Dies wollen wir auf jeden Fall versuchen zu verhindern. Deshalb ermutigen wir alle, sich umzuziehen, solange die Zeit reicht. Viele sind jedoch nicht in erster Linie wegen den Kleidern dankbar, sondern auf Grund der Geste, die unsere Bem\u00fchungen darstellen. Weil wir ihnen mit einem L\u00e4cheln und Respekt begegnen. Weil wir uns f\u00fcr sie und ihr Wohlergehen interessieren. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Arbeit im Warehouse ist im Grunde genommen eine Vorbereitung auf die Landings. Sie ergibt auch sehr viel mehr Sinn, sobald man selbt an einem Landing teilgenommen hat und erlebt hat, wie \u00e4rgerlich es sein kann, wenn der Inhalt eines Sacks, nicht mit seiner Anschrift \u00fcbereinstimmt und man lange suchen muss, bis man das Gesuchte gefunden hat. W\u00e4hrend den Landings kann es auch vorkommen, dass man innerhalb von f\u00fcnf Minuten alles verteilen muss, und man keine Chance hat, unpassende Gr\u00f6ssen auszutauschen. Da muss man sicher sein, das in einem Large-Sack, keine Small-Kleidungsst\u00fccke sind, die man gerade jemandem mitgegeben hat. Deshalb ist beim Packen der S\u00e4cke h\u00f6chste Vorsicht geboten, was wohin geh\u00f6rt. Nach jedem Landing muss der Stock wieder aufgef\u00fcllt werden, damit er f\u00fcr das n\u00e4chste Landing bereit ist. Momentan f\u00fchren wir 4 St\u00f6cke gleichzeitig, auf Grund der hohen Zahl an Landings. In der letzten Woche ist es mehrmals vorgekommen, dass in einer Nacht drei Landings stattgefunden haben, was also 3 St\u00f6cke angebraucht hat, die am n\u00e4chsten Tag alle wieder auf Vordermann gebracht werden m\u00fcssen. Dies dauert eine Weile und wird auf alle aufgeteilt. Die St\u00f6cke haben stets Priorit\u00e4t und werden als erstes erledigt, weil man immer mit einem Landing rechnen muss. Ein Stock besteht aus einem Sammelsurium aus Kleiders\u00e4cken in allen Gr\u00f6ssen von Neugeborenen bis XXL, die dementsprechend sortiert in grossen angeschriebenen Abfalls\u00e4cken aufbewahrt werden und allerlei Dinge, die wir brauchen k\u00f6nnen wie Windeln, Feuchtt\u00fccher, W\u00e4rmedecken, Pl\u00fcschtiere f\u00fcr die Kinder, Plasticks\u00e4cke und zu Essen und zu Trinken. Der fertige Stock wird in unseren Van geladen, sodass wir abfahrtsbereit f\u00fcr ein Landing sind. Ansonsten stellt das Warehouse eine unendliche Arbeitsgrube dar, wo man \u00fcberall noch ein wenig aufr\u00e4umen, ein bisschen verbessern und etwas putzen k\u00f6nnte. Jede Struktur k\u00f6nnte man noch x-mal umordnen zu jenem und diesem System, wobei niemand weiss, welches das \u00dcbersichtlichste ist. Nach neuen Spenden scheint das Warehouse regelrecht aus allen N\u00e4hten zu platzen. Es ist jedes Mal wieder erstaunlich, wenn am Schluss des Tages, doch noch eine Art Ordnung und Ruhe in den Ort einkehrt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Abgesehen von der Arbeit im Warehouse haben wir w\u00f6chentliche Projekte f\u00fcr die Leute im Camp auf Chios. Jeweils montags und freitags gehen wir um f\u00fcnf Uhr f\u00fcr eine und mittwochs f\u00fcr zwei Stunden zum Camp, um mit den Kindern zu singen und spielen. Dieses Projekt nennen wir Vial Games, getauft nach dem Namen des Camps. Die Spiele finden nicht im Camp selber statt, sondern in einem kleinen Fussbalfeld, welches sich vor den Toren des Camps befinden, welche \u00fcbrigens dauerhaft ge\u00f6ffnet sind. Es ist uns aber nicht erlaubt, das Camp zu betreten. Da das Camp jedoch \u00fcberlastet ist, und deshalb einige Hunderte gezwungen sind,  ihre Zelte ausserhalb der offiziellen Campzone aufzuschlagen, befindet sich das Fussballfeld mittlerweile dort, wo die inoffizielle Campzone beginnt. Die Spiele sind immer ein fr\u00f6hlicher, energiegeladener und auch chaotischer Event. Die Kinder freuen sich ausserordentlich auf diese Zeit und sind teilweise so adrenalingeladen, dass es schwer ist, den \u00dcberblick zu behalten. Deswegen ist es umso wichtiger, dass unser Team konstant und bewusst sich ganz auf die Lieder und den Ablauf konzentriert, damit wenigstens wir die Ordnung beibehalten und uns nicht von dem Tohuwabohu rundherum ablenken lassen. Wir haben drei Freiwillige vom Camp, die uns bei den Spielen unterst\u00fctzen, was eine enorme Hilfe ist, weil sie Arabisch und Farsi sprechen, die zwei meistgesprochenen Sprachen im Camp. Es ist auch unser Ziel, die Kinder voll zu besch\u00e4ftigen und all ihre Energie zu beanspruchen, sodass sie sich mit uns austoben k\u00f6nnen und nicht innerhalb des Camps mit Radau oder anderen Spannungen. Es ist ja kein Geheimnis, dass k\u00f6rperliche Aktivit\u00e4t auch eine Form von Stressabbau ist. Ausserdem ist es jedes Mal das Sch\u00f6nste, all die strahlenden kleinen Gesichtern zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein weiteres Projekt, von welchem ich pers\u00f6nlich verantwortlich f\u00fcr die Organisation bin, heisst Vial Tea. Jeden Samstagabend von f\u00fcnf bis sieben Uhr, verteilen wir heissen, zuckrigen Schwarztee an derselben Stelle im Camp wie bei den Spielen, an alle die wollen. Bei diesem Projekt ist der Fokus auf die Erwachsenen, denen wir auch mindestens ein Projekt widmen wollen. Neben dem Fussballfeld steht ein Tisch, den sie nutzen k\u00f6nnen, um gemeinsam Schach und andere Brettspiele, die wir mitbringen, zu spielen. W\u00e4hrenddessen bedienen sie sich vom Tee, den wir in Container im Van mitgebracht haben und ihnen aush\u00e4ndigen. H\u00e4ufig stehen oder sitzen viele in kleinen Gr\u00fcppchen in der N\u00e4he, dann gehen wir auf sie zu und fragen, ob wir ihnen eine Tasse Tee bringen k\u00f6nnen. Die Meisten, die wir fragen, nehmen das Angebot gerne an, sind jedoch zu zur\u00fcckhaltend um selbst zum Van zu kommen. Es dauert jeweils eine Weile bis die Erwachsenen zahlreicher Tee holen kommen, aber am Schluss sind immer alle Container leer und der Platz um den Van ziemlich voll mit Leuten, was ich ein gutes Zeichen finde. Wir versuchen auch so gut es geht Konversation zu betreiben, sich auszutauschen und viele L\u00e4cheln zu vergeben. Es ist extrem spannend, mit den Leuten zu reden und auch am\u00fcsant, sich gegenseitig W\u00f6rter in unterschiedlichen Sprachen beizubringen. Wir geben jedoch Acht darauf, keine unangebrachte Fragen zu stellen, stets respektvoll zu sein und niemandem zu Nahe zu treten. Wieviele Leute vom Camp kommen ist schwer einzusch\u00e4tzen, vermutlich ist es bloss ein kleiner Prozentsatz, den wir tats\u00e4chlich zu Gesicht bekommen. Ich glaube auch, dass es meistens diesselben sind, die immer wieder kommen. Das merke ich auch, weil ich nun nach einem Monat eine Person darstelle, die viele wiedererkennen. Ich finde es toll, einige mit Namen begr\u00fcssen zu k\u00f6nnen, mit ihnen zu schwatzen und sich schon etwas zu kennen. Dabei entsteht eine w\u00e4rmere Unterhaltung und Anerkennung, als wenn man sich bloss zweimal gesehen hat. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus welchen Aktivit\u00e4ten setzt sich die Arbeit bei CERST zusammen? Diese Frage will ich in diesem Beitrag beantworten, um einen Einblick auf den &#8222;Arbeitsalltag&#8220; zu geben. An erster Stelle steht die Arbeit im sogennanten &#8222;Warehouse&#8220;. 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