{"id":128,"date":"2019-10-09T15:29:58","date_gmt":"2019-10-09T15:29:58","guid":{"rendered":"https:\/\/anna.tommasi.li\/?p=128"},"modified":"2019-10-09T15:51:44","modified_gmt":"2019-10-09T15:51:44","slug":"nach-einem-monat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/anna.tommasi.li\/index.php\/2019\/10\/09\/nach-einem-monat\/","title":{"rendered":"Nach einem Monat"},"content":{"rendered":"\n<p>\u00dcbermorgen bin ich seit einem Monat auf Chios, und es ist das erste Mal in diesen knapp vier Wochen, wo ich die Zeit finde, um ein paar S\u00e4tze zu schreiben. Diese Tatsache beschreibt auch schon sehr exakt, wie ich die vergangene Zeit erlebt habe: so intensiv, dass sie jede freie Minute, meine gesamte Energie und Aufmerksamkeit f\u00fcr sich beansprucht hat. Wenn ich zur\u00fcckdenke, verschwimmen alle Erinnerungen in ein Meer von sch\u00f6nen und schwierigen Momenten, spannenden Gespr\u00e4chen und interessante Begegnungen, worin die chronologische Reihenfolge schon lange verloren gegangen ist. Es f\u00e4llt mir schwer, von meinen Erlebnissen zu berichten, ohne gleich einen Roman zu schreiben, der weder einen klaren Anfang, noch ein gutes Ende hat. Denn genau so f\u00fchlte es sich f\u00fcr mich an, hierher zu kommen: Als w\u00e4re ich von einem Tag auf den Anderen inmitten eines Abenteuers geworfen worden, das keinen einf\u00fchrenden Auftakt hatte und auch kein abklingendes Ende haben wird, sondern einen abrupten Wechsel in die Alltagswelt zuhause. Ab dem ersten Tag war ich vollkommen absorbiert von der Welt hier, mein kleiner Chios-Kosmos, welcher sich aus der Arbeit, den Leuten und Begegnungen hier zusammensetzt und wenig Platz f\u00fcr Gedanken an zuhause l\u00e4sst. Allzu schnell vergisst man, dass man auch ausserhalb dieser Blase existiert hat, wen man ohne diese Arbeit ist.  Sechs Tage in der Woche von halb neun bis f\u00fcnf Uhr abends, regelm\u00e4ssig l\u00e4nger, zu arbeiten ist ersch\u00f6pfend und gleichzeitig erf\u00fcllend. Erf\u00fcllend meine ich hier ganz im w\u00f6rtlichen Sinn, das heisst ganz so, dass man sich komplett dieser Aktivit\u00e4t widmet und dabei sich selber rasch vernachl\u00e4ssigt. Es ist erf\u00fcllend auf eine ablenkende Weise. Anstelle von Gef\u00fchlen oder Signalen des K\u00f6rpers tritt die Arbeit, welche einen ganz erf\u00fcllt und in Besitz genommen hat. Welche Arbeit denn \u00fcberhaupt? Fragt sich jetzt bestimmt mancher Leser. Ich meine damit den Akt des Helfens, des Gebens, des Gef\u00fchls, bei den Leuten zu sein. Es ist ein Gef\u00fchl, welches s\u00e4mtliche Aktivit\u00e4ten unseres Teams begleitet. Egal ob wir gerade &#8222;bloss&#8220; Kleider sortieren und Boxen schleppen, oder ob wir tats\u00e4chlich gerade dabei sind, den Leuten Wasser, Essen und Kleider zu verteilen, irgendwo nachts an einem Strand der Ostk\u00fcste von Chios, kurz nachdem sie dort gestrandet sind. Das Gef\u00fchl der Notwendigkeit dieser Arbeit l\u00e4sst einen  noch mehr in sie vertiefen. So ensteht eine unerm\u00fcdliche Motivation, die Menschen unglaubliches vollbringen l\u00e4sst. Aber es besteht dabei auch die Gefahr sich darin zu verlieren, die eigenen Bed\u00fcrfnisse und Signale des K\u00f6rpers zu vernachl\u00e4ssigen, bis er sich daf\u00fcr r\u00e4cht und einen ausbrennen l\u00e4sst, um so die Erholung zu erzwingen. Es ist von gr\u00f6sster Wichtigkeit in einem Einsatz wie diesem, sich regelm\u00e4ssig von der Arbeit und von dem Umfeld zu distanzieren, damit man sich auf sich selber fokussieren kann. Es gilt das goldenene Gleichgewicht zu finden, wie man sich den Mitmenschen ann\u00e4heren kann, um sie zu unterst\u00fcrtzen, ohne dabei sich selber aus den Augen zu lassen. In jeder T\u00e4tigkeit wo man mit dem Leiden und Last von anderen konfrontiert wird, ist es unabdingbar umso n\u00e4her bei sich zu sein, und zu erkennen, worauf man Einfluss nehmen kann und worauf nicht. Man muss erkennen k\u00f6nnen, welche Last man durch die eigene Unterst\u00fctzung erleichtert werden kann und welche  von jedem selbst getragen werden muss. Jeder ist bloss in der Lage zu helfen, sofern er sich selber zu helfen weiss.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcbermorgen bin ich seit einem Monat auf Chios, und es ist das erste Mal in diesen knapp vier Wochen, wo ich die Zeit finde, um ein paar S\u00e4tze zu schreiben. 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